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Erfahrungsbericht als blinder Gemeinderat



Im Sommer 2007 wurde ich ihm Rahmen einer Veranstaltung gefragt, ob ich es mir vorstellen könnte auf der Liste SPD und Freie für die Wahl des Gemeinderats zu kandidieren. Nachdem ich dies kurz mit meiner Frau besprochen hatte, sagte ich zu und wurde tatsächlich im März 2008 in das Gemeindeparlament gewählt.

Spätestens da wurde mir klar, welche große Herausforderung dies für mich, als Mensch ohne Sehvermögen bedeuten wird. Auch galt es sofort mehrere essentielle Fragestellungen zu behandeln. Angesichts der Tatsache, dass ein blinder im Gemeinderat schon etwas ungewöhnlich ist, war ich mir der Skepsis in Teilen der Bevölkerung durchaus bewusst. Meine Arbeit würde sicher mit Argusaugen betrachtet werden, dachte ich mir und ich werde wohl keinen Fehler machen dürfen, der mit meinen Handicap in Zusammenhang steht. Kurzum, man betrat absolutes Neuland und es gab keine Erfahrungswerte, weder für mich, noch für die Verwaltung, Gemeinderatskollegen, Bevölkerung und andere Beteiligte.

Eine weitere Herausforderung sah ich also darin gewisse Bedenken zu minimieren oder gänzlich auszuräumen um die ein oder anderen Berührungspunkte weitesgehend im Sinne von Menschen mit Behinderung auszulöschen. Um sich akribisch, seriös und umfassend in die oft sehr komplexen Sachthemen einarbeiten zu können, bedarf es für einen blinden Gemeinderat selbstverständlich einige Hilfsmittel.
Als erstes ist hier eine Vorlesesoftware die mir die eingescannten Sitzungsunterlagen, Akten und Korrespondenz in Wort und Sprache umsetzt. Weiter sind diverse Diktiergeräte, eine Blindenschreibmaschine und weiteren Informationseinholung das Telefon stets im Einsatz. Sehr wichtig sind auch in speziellen Fällen die Hilfestellungen der Fraktion, aber auch der Kollegen des Gemeinderats und natürlich auch die große Vorurteilsfreie Unterstützung durch den Herrn Bürgermeister und der Verwaltung.

Neben einer großen Anzahl hochinteressanten Themen beschäftigen ein Mitglied des Gemeinderats natürlich auch die ein oder anderen besonderen Herzensangelegenheiten.
Als Jugendreferent sind mir natürlich die Themen und Belange der Jugendlichen unserer Gemeinde, wie zum Beispiel Bildung etc. von größter Wichtigkeit.
Aber auch die Kinderbetreuung, Soziales und selbstverständlich die gesamte Behindertenthematik haben für mich den höchsten Stellenwert, und als einer der beiden Kulturbeauftragten unseres Ortes sei es mir bitte gestattet mich für ein höchst attraktives und vielseitiges Kulturangebot in unserer Gemeinde einzusetzen.

Rückblickend auf die letzten Jahre darf ich sagen, dass mir das Amt als Gemeinderat mit seinen immens großen Herausforderungen, verschiedensten Aufgaben und Fachthemen sehr viel Freude bereitet hat.

Abschließend stellt sich für mich als Mensch der mit einer nicht unerheblichen Beeinträchtigung zu leben hat zum einen die Frage, ob ich die in mich gesetzten Erwartungen erfüllen konnte und war es mir zweitens möglich, den Beweis anzutreten, das ich als blinder Mensch in einem Arbeitsfeld, in dem man ja eigentlich uneingeschränktes Sehvermögen voraussetzt, meine Aufgabenstellungen genauso präzise und Gewissenhaft bewerkstelligen konnte wie ein Mensch ohne Behinderung.

Ich denke nicht, dass die Wahl eines Behinderten in den Gemeinderat in unserem Ort als ein einmaliger Betriebsunfall anzusehen ist, Vielmehr ist mein Eindruck, dass wir alle zusammen, also Rathaus sowohl auch die Bevölkerung hier in Weßling bewiesen haben das wir mit dieser Pionierarbeit in der Zielsetzung eines Gleichgestellten und Vorurteilsfreien Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten ein sehr großes Stück am Sinne eines weiteren zu vertiefenden Inklusionsgedanken wünsch ich mir sehr, dass auch andere Kommunen dieses unseren Beispiel folgen.

Claus Angerbauer